Collis-Metall-Werke
Von
Niko Schindelarz
Westhausen, 7. Juli 2008
Auszug aus GFS-Geschichte;
Eugen-Bolz-Realschule Ellwangen; Klasse 9
Um 1930 hatte Westhausen ca. 1400 Einwohner und war ein einfaches
Bauerndorf. Der Ortsteil Reichenbach bestand sogar nur aus 13 Bauernhöfen
einem Förster, einem Lebensmittelladen und einem Maler. Ministerialrat
Dr. Hans Bode leitete das Reichswehrministerium in Berlin. Als Baurat wurde
er beauftragt 30 Rüstungsbetriebe in Süddeutschland zu bauen.
Sie sollten nicht in der Nähe von Städten sein und 100 km von
den deutschen Landesgrenzen entfernt sein. Da er einen Diplomingenieur
als Leiter des Werkes brauchte, traf er sich mit Herrn Dr. May und Herrn
Dipl. Ing. Bolch in Schwäbisch Gmünd auf dem Bahnhof um von hier
aus eine der vielen Waldschneisen – das Werk muss ja getarnt werden – auszusuchen.
Dr. Bode kannte die Westhausener Gegend von der Jagd her sehr gut, da er
öfters im 5 km entfernten Mohrenstetten
im Urlaub war. Sie entschieden sich für den Waldeinschnitt oberhalb
von Reichenbach.
Im Frühjahr 1935 entstand als erstes Gebäude
am Waldrand der so genannte „Schiefe Winkel“, der als Planungsbüro
diente. Meine Großeltern wohnten 1959/60 in dem Häuschen.
Gleichzeitig wurde Oberhalb der Baustelle ein Steinbruch
angelegt, in dem der Kalkschotter zum Bau des Werks sowie dem Bau der Zufahrtsstraße,
der Industriestraße, gebrochen wurde.
Am 23.12.1935 wurde Richtfest gefeiert und die Produktion
konnte im Laufe des Jahres 1936 beginnen. Dr. May hatte ein patentiertes
Verfahren entwickelt Kartuschen im so genannten Kaltziehverfahren spanlos
zu formen. Dazu brauchte man bis zu 110 Tonnen schwere Schulerpressen.
Diese wurden vom Bahnhof Westhausen mit Spezialfahrzeugen über die
neu gebaute Industriestraße zum Werk transportiert.
Die Kartuschen wurden aus Messing und später aus
Stahl gefertigt. Es waren Hülsen für Flak-Munition die dort in
5 verschiedenen Größen hergestellt wurden, die größten
hatten ungefähr Hüfthöhe und hatten 10 cm Durchmesser. Die
Zünder allerdings wurden erst in Aalen eingebaut.
Die Pressen machten einen ohrenbetäubenden Lärm, der bis in die
weite Umgebung zu hören war.
Zur Tarnung wurde auf das Dach der Hallen eine 1mm dicke
Kupferblechschicht gelegt und mit einer 1,5m dicken Schicht Erde bedeckt
und darauf 2-3 m hohe Bäume gepflanzt. Die Hallen wurden dunkelgrau
gestrichen. Andere Gebäude wie Kantine, Verwaltung, Garagen usw. wurden
mit Tarnfarben gestrichen und mit Gebüsch oder Kletterpflanzen bepflanzt.
Wege und Straßen wurden mit Tarnnetzen überspannt. Herr Adolf
Knaus der ehemalige Werksfahrer von Dr. May bestätigte die hervorragende
Tarnung: „Einmal wurden 30 Flugzeuge losgeschickt mit dem Auftrag, das
Werk aus der Luft zu fotografieren. Obwohl die Flugzeugführer Pläne
dabei hatten, flogen 29 darüber, ohne das Werk zu entdecken, nur einer
hatte es gefunden und dieser stammte aus Aalen.“ Ausschlaggebend war, dass
das Werk aus der Luft für Fremde unerkennbar war, dank seiner perfekten
Tarnung. Auch im öffentlichen Bereich wurde für Tarnung gesorgt,
zum Beispiel wurde im Ort gesagt, es handele sich um eine Bonbon-Fabrik,
wobei jeder wusste, dass es ein Rüstungsbetrieb war.
Auch strenge Gesetze wurden festgelegt, in den Hallen
der Fabrik standen überall Schriftzüge: „Denk an deine Schweigepflicht!“
Denn es herrschte höchste Schweigepflicht für die Arbeiter, sie
durften nicht einmal in ihren Familien irgendetwas über das Werk erzählen.
Im § 89 der Betriebsordnung aus dem Jahre 1938 stand: “Wer es unternimmt,
ein Staatsgeheimnis zu verraten, wird mit dem Tode bestraft.“
Für ständige Bewachung wurde auch gesorgt, zum
Beispiel wurden alle Arbeiter jeden Morgen kontrolliert. Wenn jemand seinen
Ausweis vergessen hatte, durfte er nicht aufs Werksgelände, auch wenn
sich Wachmann und Arbeiter noch so gut kannten. Anfangs waren Tag und Nacht
ständig vier bewaffnete Wachmänner mit Hunden rund ums Gelände
unterwegs, später zu Kriegszeiten waren es mindestens zehn. Auch wenn
jemand nur im Wald in der Nähe einen Spaziergang machte, wurde die
Person sofort festgenommen, in eine kleine Zelle an der Pforte gebracht
und so lange kontrolliert bis die Identität wirklich sicher war und
keine Gefahr bestand.
Die heutige Zaunanlage rund ums Werk stammt noch aus dem
Jahre 1936. Beeindruckend sind auch die drei Bunker, in denen auch die
Zivilbevölkerung vor Bombenangriffen Schutz fand. Heute dienen die
Räume teilweise als Lager. Beim Bau der Collis-Metall-Werke waren
über 1000 Menschen beschäftigt. 1936 fing die Produktion von
35 000 Kartuschen pro Monat mit 450 Arbeitern an. Zwei Jahre später
produzierten bereits 1200 Leute 100 000 im Monat. Die Menschen verdienten
sehr gut, es wurde sogar einmal im Jahr ein zweitägiger Ausflug für
die Arbeiter mit ihren Familien veranstaltet.
Zu Kriegszeiten arbeiteten über 2000 Menschen in
dem Rüstungsbetrieb, von 400 000 geforderten Kartuschen im Monat schafften
sie 350 000.
Für Westhausen heute noch von Bedeutung war der Bau
des Freibades. Die Gemeinde brachte das Grundstück ein, die Collis
Werke bezahlten den Bau. Im Werk zu arbeiten war also sehr attraktiv, es
kamen viele Arbeiter nach Westhausen, die auch Wohnraum brauchten. Die
Collis-Siedlung entstand in Reichenbach. Meine Großeltern kauften
nach dem Krieg eines dieser typischen Fachwerkhäuser und wohnen heute
noch darin. Mein Großvater sowie später auch mein Vater gingen
von dort aus zur Arbeit in die ehemaligen Collis-Werke, diese Firma heißt
heute Cooper Power Tools und stellt Werkzeuge her.
Quellen:
„Ortschronik Westhausen“ von Heini Brüstle
Betriebsordnung der Collis-Metall-Werke aus dem
Jahre 1938
„Ende und Wende“ von Reinhold Maier
„Lippach“ von Franz Brenner
Führung durch die einstigen Collis-Werke
durch Heini Brüstle am 26. 4. 2008
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