|
Die Vertreibung aus Baranyajenö vor 60 Jahren
„Es war einmal…“, so beginnt manches schöne Märchen.
Doch die Vertreibung der Deutschen aus dem ungarischen
Dorf Baranyajenö in Transdanubien, dem Land jenseits der Donau in
Südungarn ("Schwäbische
Türkei") ist leider kein Märchen. Was ich hier niederschreibe
ist die bittere Wahrheit.
Vor 60 Jahren, am 6. Juni 1946 wurden die Jenöer
oder wie es hieß „die Leit aus Jeni“ von der damals kommunistischen
ungarischen Regierung aus der angestammten Heimat, von Haus und Hof vertrieben.
Die Verfügung der Behörden lautete: „Alle deutschsprachigen Bürger,
die sich zu ihrer deutschen Muttersprache bekennen und volksdeutscher Abstammung
sind, werden ausgewiesen, ihr Hab und Gut wird enteignet.“ Diese Verfügung
gründete sich auf die Abkommen von Jalta und Potsdam, das das Schicksal
Deutschlands und der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg bestimmen sollten.
Doch schon lange vor dem Tag der endgültigen Ausweisung begann die
Geschichte unserer Vertreibung. Es begann damit, dass fremde Familien,
neu angesiedelte Ungarn, in unsere Häuser und Höfe einquartiert
wurden und dort die Herrschaft übernahmen.
Bei uns wohnte zunächst eine Familie mit dem deutschen
Namen „Wiener“. Es war ein älteres Ehepaar und beide sprachen zudem
noch sehr schlecht ungarisch. Sie stammten aus Kroatien, das bis zum Ersten
Weltkrieg noch ungarisch-österreichisches Staatsgebiet war. Sie waren
nach dem Einmarsch der Russen aus ihrem Haus vertrieben, des Landes verwiesen
und schließlich nach Ungarn abgeschoben worden. Ihr Sohn war sogar
freiwillig der Deutschen Wehrmacht beigetreten. Er war irgendwo in russische
Kriegsgefangenschaft geraten, genauso wie mein Vater. Allerdings war dieser
1944 zwangsweise zur deutschen Waffen-SS eingezogen worden. In der russischen
Kriegsgefangenschaft wurde er jedoch schwer krank und hätte beinahe
sein Leben verloren. Deshalb hatten ihn die Russen vorzeitig entlassen
und nach Hause geschickt.
Mit dem Ehepaar Wiener verstanden wir uns gut, wir durften
sogar unsere Küche und unser Wohnzimmer weiter bewohnen. Doch eines
Tages zogen die beiden wieder aus, wahrscheinlich hatten die Behörden
doch noch gemerkt, dass sie eigentlich deutscher Abstammung waren. Jetzt
begann für uns eine harte Zeit.
Es kam nun ein so genannter Forstmeister (Vadászfelügyelö)
mit seiner um viele Jahre jüngeren Ehefrau, seiner Tochter im Alter
seiner Ehefrau und seine Mutter. Sein Schwiegersohn war nicht mitgekommen,
er war noch in Jugoslawien und kämpfte dort in Tito´s Partisanenarmee
gegen die deutschen Besatzer.
Mein Vater (Andreas
Brunner) war nun Knecht und „herrschaftlicher Kutscher“ auf
seinem eigenen Hof. Er war immer sehr stolz auf seine von ihm selbst trainierten
jungen Pferde gewesen, doch die waren von der ungarischen Armee enteignet
und samt Wagen mitgenommen worden. Der Forstmeister hatte einen Maulesel
(Muli) und eine Herrenkutsche mitgebracht. Ich hatte ein von den Russen
ausgesondertes fußkrankes Pferd gesund gepflegt. Mit diesen beiden
Tieren, einem sehr ungleichen Gespann, musste nun mein Vater, der ehemals
stolze Bauer, dem Herrn Forstmeister „zu Diensten“ sein, ihn zu Konferenzen,
Trink- und Essgelagen, Sitzungen und Besprechungen fahren. Mein Vater schämte
sich sehr, wenn er seinen neuen Herrn mit dem klapprigen Gaul und dem Muli
durch das Dorf kutschieren musste. Jedoch als Funktionär der Kommunisten
sorgte der Forstmeister auch dafür, dass mein Vater als ehemaliger
Deutscher Soldat (wenn auch als unfreiwilliger) nicht eingesperrt wurde,
sondern sich lediglich zweimal wöchentlich bei der Polizei melden
musste.
Die Frau des Forstmeisters war nun die neue Hausfrau und
Herrin auf unserem Hof. Sie schlachtete unsere Hühner, genauso wie
unsere Schweine, die meine Mutter
liebevoll aufgezogen hatte. Ebenso gehörte jetzt auch der Wein in
unserem Keller der neuen Herrschaft. Wenn sie gut gelaunt waren, durften
auch wir von unserem Fleisch, Speck oder Schinken essen. Die „gnädige
Frau“ schlachtete sogar ein Kalb zum Geburtstag ihres Mannes, weil eine
Jagdgesellschaft zum Essen eingeladen war. Da die neuen Hausherren die
Räume des Hauses für sich beanspruchten, mussten wir uns zu viert,
meine Eltern, meine Uroma und ich, ein kleines Wohnzimmer und ein Schlafzimmer
teilen.
Dann kam die endgültige Vertreibung. Bereits ein
paar Tage vor dem Ausweisungstermin wurde vom Kleinrichter (kisbiró)
Stefan (István) Hügl, das war der Gemeindebüttel mit der
Trommel, die Bekanntmachung unter lautem Trommelwirbel verkündet,
wonach alle „Svábok“ (Schwaben), das heißt, alle deutschstämmigen
Bewohner unseres Ortes zusammenpacken müssten. Ihr gesamter Hausrat
und übriges Eigentum sollte enteignet werden. Pro Kopf durfte man
lediglich 40 Kilogramm Reisegepäck mitnehmen. Diese Bekanntmachung
wurde an diesem und dem folgenden Tag in deutscher und in ungarischer Sprache
mehrmals verlesen. Dass gerade unsere Gemeinde für eine Deportation
vorgeschlagen wurde, dafür sorgten ein Herr Szijártó
und unser Arzt Dr. Biró, Allgemeinmediziner und Zahnarzt von Baranyajenö.
Dann war der Tag der Ausweisung gekommen. Die Behörden
hatten eine Hundertschaft Rendörség (Polizei) aufgeboten, die
die Straße säumten, damit niemand von den Deutschen zurückbleiben
oder sich verstecken konnte, um so der Deportation zu entgehen. Nur ein
paar wenige Familien, die entweder ungarische Namen trugen oder besondere
„Beziehungen“ hatten, blieben von der Vertreibung verschont und durften
daheim bleiben. Wir dagegen mussten nach Sásd, unserer damaligen
Kreisstadt, zum Bahnhof fahren. Dies geschah natürlich in Polizeibegleitung,
damit keiner zurück blieb. Teilweise fuhren wir mit den eigenen Pferden
und Wagen zur Bahnstation und so mancher Ungar bot sich an, eine Familie
mit deren Gespann zu kutschieren, weil er sich wohl erhoffte, den Wagen
mitsamt den Pferden behalten zu dürfen. Wir durften den ehemals eigenen
Wagen, die Sonntagskutsche verwenden, da sich ja die ungarischen Frontsoldaten
bei ihrem Rückzug vor den anrückenden Russen, unseren Bauernwagen
und unsere Pferde unter den Nagel gerissen hatten. Die Sonntagskutsche
war mit unseren wenigen Habseligkeiten, zugegeben etwas mehr als 40 Kilogramm
pro Person, beladen und wurde, oh welche Ehre, vom Forstmeister selbst
gefahren. Allerdings, so nehme ich an, wollte er damit lediglich vermeiden,
dass das Gespann in die falschen Hände kam.
In Sásd an der Bahnstation erwartete uns eine lange
Reihe geschlossener Viehwaggons. Innen hatte man Stroh auf den Boden gestreut.
Das Stroh war alt und roch nach feuchtem Moder. Dort hinein mussten wir
unsere Habseligkeiten verladen. Wir waren zehn Familien, 40 Personen mit
Gepäck in einem Waggon. Dies sollte für die nächsten Tage
und Nächte unser Zuhause werden. Keiner von uns wusste, wie lange
die Fahrt dauern würde und wohin es gehen sollte. Eineinhalb Jahre
vorher hatte es schon einmal ein Dekret der Behörden gegeben, wonach
alle deutschen Frauen zwischen 18 und 30 Jahren und alle deutschen Männer
zwischen 17 und 45 Jahren nach Russland zur
Zwangsarbeit deportiert wurden. Wir hatten große Angst,
denn zunächst hieß es, der Transport sollte nach Osten, nach
Rumänien gehen. Dann hieß es nach Westen und schließlich
doch wieder nach Osten, weil scheinbar eine Eisenbahnbrücke gesprengt
sein sollte.
Schließlich ging es dann doch weiter Richtung Westen
bis zur österreichisch-ungarischen Grenze, bis Harka-Kopháza,
in der Nähe von Sopron, der letzten ungarischen Stadt vor der Grenze.
Die ungarische Lokomotive wurde abgekuppelt und weggefahren. Unsere Waggons
lies man auf einem Nebengleis stehen. Eine Woche lang standen wir auf dem
Gleis und niemand kümmerte sich um uns. Eine große Anzahl Polizisten
war ebenfalls zu unserer Bewachung mit im Zug und diesen gingen bald die
Vorräte aus, weil sie mit diesem Zwangsaufenthalt nicht gerechnet
hatten. So mussten unsere Bewacher bei uns um Nahrung betteln, damit sie
nicht verhungerten. Nach einer Woche kamen schließlich zwei englische
Offiziere und es gab eine lebhafte Debatte mit unseren Bewachern. Daraufhin
kam eine geeignete Lokomotive aus Österreich und zog unseren Konvoi
weiter nach Österreich, bis Wiener-Neustadt. Dort gab es wieder einen
ungeplanten Aufenthalt, weil die Lokomotive ihren Geist aufgab.
Von den zahlreichen Wachleuten waren inzwischen nur noch
sechs übrig geblieben, denn alle anderen hatten sich eines Nachts,
nach dem Eintreffen der beiden englischen Offiziere, heimlich davon gemacht.
Mit diesen restlichen sechs Polizisten gingen wir von da an eine Zwangsgemeinschaft
ein. Wir die Ausgewiesenen verpflegten sie. Nun sollte es sich als Glück
erweisen, dass alle Familien mehr Lebensmittel dabei hatten, als eigentlich
erlaubt gewesen war, denn von außen bekamen wir keinerlei Hilfe.
Auch wussten wir immer noch nicht, wohin sie uns brachten, denn wir befanden
uns immer noch in der russisch besetzten Zone. Erst als wir den österreichischen
Fluss Enns überquerten und damit die amerikanische Zone erreichten,
wurde uns zu unserer Erleichterung klar, dass wir nicht nach Russland verschleppt,
sondern in Richtung Westen nach Deutschlands gefahren werden sollten.
An der deutschen Grenze, im Lager Piding in der Nähe
von Salzburg, erfolgte der nächste Aufenthalt. Hier wurden wir alle
„entlaust“ bevor wir nach Deutschland
einreisen durften. Inzwischen war auch durchgesickert, dass wir in Deutschland,
in der amerikanischen Zone untergebracht werden sollten.
Es sei noch vermerkt, dass wir aus Baranyajenö und
Gödre
der letzte Transport aus Ungarn waren, die in den Westen, in die von den
Amerikanern besetzte Zone Deutschlands, untergebracht wurden. Alle Transporte
die nach uns kamen wurden in die von den Russen besetzte Zone geleitet.
Es ging nun zügig weiter bis nach Wasseralfingen
bei Aalen
in der Ostalb. Dort verbrachten wir weitere 14 Tage in einem
Barackenlager, das Ruckenlager genannt wurde. Von der Lagerleitung wurden
alle gefragt, wo ihre Neigungen und Fähigkeiten lagen. Meine Eltern
entschieden sich für die Landwirtschaft, für das Arbeiten auf
einem Bauernhof. Alle Familien, die sich nicht für die Landwirtschaft
entschieden, kamen nach Ellwangen oder Bopfingen am Ipf und wurden dort
bei der Stadtbevölkerung einquartiert. Einige kamen auch nach Aalen
oder wurden in verschiedene Dörfer auf dem Härtsfeld verteilt.
Zusammen mit den Deutschen aus Baranyajenö wurden auch Familien aus
dem Nachbarort Gödre (Gedri) vertrieben. Gemeinsam mit einigen Familien
von ihnen wurden wir zunächst in der Gemeinde Hüttlingen im dortigen
Schulhaus in einem Klassenzimmer untergebracht. Auf dem Fußboden
lag Stroh. Diesen Raum hatten vor uns schon andere Flüchtlinge bewohnt.
Mein Vater vertrat inzwischen den Standpunkt, es sei egal,
was er arbeiten müsse, nur hungern wolle er nicht mehr, denn Hunger
tat sehr weh und in der russischen Kriegsgefangenschaft war er beinahe
verhungert.
Von Hüttlingen verteilte man uns weiter auf einen
Aussiedlerhof nach Mittellengenfeld, das ebenfalls zur Gemeinde Hüttlingen
gehört. Dort quartierte man uns bei der Bauernfamilie des Andreas
Schmid ein. Wir bekamen ein Zimmer, die Knechtskammer zugewiesen. Diese
Kammer mussten wir uns zu dritt teilen, später sogar zu viert, als
meine Urgroßmutter von Ungarn in die spätere DDR ausgewiesen
wurde und von dort schließlich zu uns kam.
Zusammen mit zwei weiteren Familien mussten wir auf dem
Bauernhof mitarbeiten. Doch wenn wir auch hart arbeiten mussten, waren
wir doch der Familie Schmid zu großem Dank verpflichtet. Wir hatten
alle ein Dach über dem Kopf und mussten nicht in einem Barackenlager
wohnen, außerdem hatten wir immer genügend zu essen. Zuerst
waren wir nur die „Flüchtlinge“ aber bald schon konnten wir uns auch
persönliche Anerkennung erarbeiten.
Ich hatte das Glück, bereits nach einem Monat eine
Lehrstelle in Aalen zu finden, wo ich meine bereits in Ungarn begonnene
Elektrikerlehre fortsetzen konnte. Auch mein Vater bekam eine Anstellung
in einer Fabrik, während meine Mutter weiter als Magd auf dem Bauernhof
arbeitete, solange wir dort wohnten. Insgesamt sieben Jahre verbrachten
wir auf dem Hof der Familie Schmid, bis wir in unser eigenes Haus in Hüttlingen
umziehen konnten, das wir inzwischen erstellt hatten. Während jeder
freien Zeit arbeiteten wir beim Bauern. Ich reparierte Maschinen, Geräte,
Motoren sowie alle sonstigen elektrischen Einrichtungen und mein Vater
dengelte Sensen und schärfte Sicheln und Mähmaschinenmesser.
Auch bei der Getreideernte arbeiteten wir mit. Die Zeit war damals allgemein
sehr hart und die Bevölkerung in den Städten hatte nicht genug
zu essen. Wir hatten jedoch Glück, weil wir auf einem Bauernhof wohnten
und so konnte ich bei meiner Arbeitsstelle noch so manchen Kollegen mit
einem zusätzlichen Vesperbrot versorgen, was mir dort große
Achtung und Beliebtheit einbrachte. Die Vesperbrote hatte mir meine Mutter
gerichtet. Die Bäuerin wusste davon und tolerierte dies.
Wenn wir mit der Elektrikerkolonne auf Montage waren,
fiel mir immer die Aufgabe zu, in den Dörfern, wo wir die elektrischen
Leitungen verlegten, für Quartier und Verpflegung zu sorgen. Ich konnte
besonders gut mit den Bauersleuten verhandeln, weil ich „ihre Sprache sprach“
und wenn sie hörten, dass ich auf einem großen Bauernhof wohnte
und in meiner Freizeit dort mitarbeitete, standen uns Türen und Tore
offen.
Mit der Zeit erhielten wir auch die behördliche Anerkennung.
Vom Landratsamt bekamen wir Flüchtlingsausweise und wurden gemäß
dem neuen Grundgesetz, der noch jungen Bundesrepublik Deutschland, den
deutschen Staatsangehörigen rechtlich gleichgestellt. Wir erhielten
Lebensmittelkarten und sowohl ich als Handwerker, wie auch mein Vater als
Fabrikarbeiter, hatten auch noch Anrecht auf Schwerarbeiter-Zulagenkarten,
sowie Bezugsscheine für Kleidung, Haushaltsgeräte und Fahrradreifen.
Da wir jedoch vom Bauernhof her mit Lebensmittel versorgt waren, konnten
wir unsere übrigen Bezugsscheine, sowie Schmalz und Mehl in der Stadt
gegen Kleidung und Unterwäsche auf dem Schwarzmarkt eintauschen. Es
war die Zeit der Inflation und mit solchen Tauschartikeln konnte man mehr
anfangen als mit Geld, das von Tag zu Tag weniger Wert war.
Doch dann kam 1948 die Währungsreform mit der Deutschen
Mark. Wir waren inzwischen als Deutsche anerkannt, wohnten in unserem eigenen
Haus und konnten auch am deutschen Wirtschaftswunder teilnehmen. Der Wiederaufbau
hatte begonnen und brachte auch uns einen gewissen Wohlstand.
Aus heutiger Sicht wäre es sicherlich interessant
zu wissen, wie sich unser Leben und auch das, unserer Kinder, die in Deutschland
geboren und aufgewachsen sind, entwickelt hätte, wären wir damals
aus unserer Heimat Ungarn nicht vetrieben worden. Doch das werden wir wohl
nie erfahren. |